Vor den jüngsten kriegerischen Handlungen zwischen Israel und dem Iran verschärfte das Mullah-Regime noch einmal die Regeln: In mehreren Großstädten wurde Videoüberwachung zur Kontrolle der Kopftuchpflicht installiert. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit ohne die vorgeschriebene Verhüllung zeigten, drohten Strafen.
Der Sicherheitsrat des Landes stoppte aus Angst vor neuen Massenprotesten die Umsetzung des umstrittenen Gesetzes. Dennoch schwer vorstellbar, dass vor kaum zwei Generationen Frauen im Minirock durch die Straßen Teherans zogen.
Westliches Antlitz
In wenigen Ländern der Welt hat sich die Geschichte so schnell gedreht wie im Iran. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Resa Pahlawi das Straf- und Zivilrecht nach europäischem Vorbild gestaltet. Im Krieg zwangen die britischen und sowjetischen Besatzer die Abdankung des Schahs, er starb 1944 im südafrikanischen Exil. Sein Sohn Mohammed wurde sein Nachfolger, er übernahm die Herrschaft nach Abzug der Alliierten.
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Schah Mohammed Resa Pahlawi starb 1980 in Ägypten
Pahlawi ernannte Mohammed Mossadegh zum Premier, doch dieser wurde bald zum innenpolitischen Widersacher des Schahs. Die iranische Armee führte mit Hilfe der CIA einen Putsch durch, Pahlawi wurde den Feind schnell los und erkannte: Mit westlichen Verbündeten lässt sich die Macht erhalten.
Unterdrückung per Geheimdienst
In der Folge baute er ebenfalls mit ausländischer Hilfe den gefürchteten Geheimdienst Savak auf. Die gesamte Opposition wurde infiltriert, islamistische Gruppierungen unterdrückt. Regimegegner standen unter ständiger Beobachtung, wurden verhaftet, gefoltert und auch hingerichtet.
Doch gesellschaftspolitisch gab es Fortschritte. Die „Weiße Revolution“ wurde 1963 begonnen: Frauen erhielten das passive und aktive Wahlrecht, ein Gesetz, das Frauen vor allem bei Scheidungen besserstellte, wurde eingeführt. Das Feudalsystem wurde abgeschafft, das Analphabetentum großflächig bekämpft.
Freundschaftliche Anfänge
Die Hinwendung zum Westen schlug sich auch im Verhältnis zu Israel nieder. Schon vor dessen Gründung 1948 gab es in Teheran das Bemühen um eine Verständigung. Der Iran war nach der Türkei auch das zweite muslimische Land, das den Staat Israel anerkannte. Bald wurden auch diplomatische Beziehungen aufgenommen.
Auch militärisch und wirtschaftlich wurden Bande geknüpft. Insgesamt sechs „Öl für Waffen“-Verträge wurden unterzeichnet: Israel lieferte Rüstungsgüter im Wert von jährlich 500 Millionen US-Dollar (rund 463 Mio. Euro) und erhielt im Gegenzug iranisches Öl.
Mitte der 1970er Jahre aber wandte sich der Iran den arabischen Nachbarn zu, um seine Macht am Persischen Golf auszubauen. Plötzlich sprach der Schah vom Verhältnis zu Israel als reinem Mittel zum Zweck.
Vom „Schwarzen Freitag“ zur Revolution
Die gesellschaftliche Öffnung und gleichzeitige Unterdrückung religiöser Gruppen im Iran blieb nicht ohne Folgen. Ajatollah Ruhollah Chomeini trat in den 1960 Jahren erstmals öffentlich in Erscheinung. In einer Rede griff er den Schah wegen dessen Nähe zu den USA an.
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Ajatollah Ruhollah Chomeini führte die Islamische Revolution an
Nach der Verhaftung Chomeinis und dessen Gang in das Exil kam es zu ersten Demonstrationen, die sich auch gegen die Reformpläne des Schahs richteten. Die Kundgebungen entwickelten sich bald zu Massenprotesten, die von unterschiedlichsten Gruppen getragen wurden – Liberalen und Konservativen, Säkularen und Religiösen – Ajatollah Chomeini wurde damit zur Integrationsfigur. Die Proteste wurden gewaltsam niedergeschlagen, so wie jene am 8. September 1978. Die Zahl der Opfer dieses „Schwarzen Freitags“ ist bis heute unklar, der Weg zur Islamischen Revolution war geebnet.
Islamisierung des Staates
Während der Schah ins Exil floh, kam Chomeini 1979 aus selbigem zurück und wurde unter enormem Jubel in Teheran empfangen. Bald ließ er ein Referendum durchführen, mit dem sich der Iran gegen die Monarchie und für die Gründung einer Islamischen Republik aussprach und dem geistigen Führer umfassende Rechte einräumte.
Der Bruch mit Israel war endgültig. Unter den Mullahs wurde die Feindschaft zu Israel, dem vermeintlichen Vasallen der USA, zur Staatsdoktrin. Als Israel 1982 in den Südlibanon einmarschierte, unterstützte die iranische Revolutionsgarde schiitische Milizen, aus denen bald die Terrororganisation Hisbollah hervorgehen sollte. Sie bedroht Israel seither direkt an der Grenze, auch mit iranischen Raketen.
Nach dem Tod Chomeinis wurde der bisherige Präsident und Kleriker Ali Chamenei dessen Nachfolger, er ist bis heute im Amt. Doch durch die Kriege und die Isolation vom Westen lag die Wirtschaft des Iran bald am Boden – Reformversuche scheiterten.
Atomprogramm als weitere Zäsur
Spätestens die begründete Annahme um die Jahrtausendwende, dass der Iran ein geheimes Programm zur Anreicherung von Uran betreibt, verschlechterte das Verhältnis zu Israel weiter. Seither forderte Israel regelmäßig ein scharfes Vorgehen gegen Teheran, sah es sich doch als erstes Opfer einer möglichen iranischen Atombombe.
Der Westen führte neue Sanktionen ein und schürte so auch den Hass im Iran weiter. Israel verübte zahlreiche Sabotageakte und Geheimdienstoperationen, um das iranische Atomprogramm in Schach zu halten. Wiederholt wurden führende Militärs und Atomwissenschaftler getötet.
Proteste ohne Wandel
Zaghafte Reformversuche in den 1990er Jahren unter Präsident Mohammed Chatami versiegten schnell. In den Nullerjahren übernahmen wieder Hardliner das Ruder in Teheran. Unter Mahmud Ahmadinedschad im Präsidentenamt kam es wiederholt zu größeren Protesten, die schließlich durch ein Machtwort von Chamenei unterbunden wurden. Auch die Massenproteste 2022 und 2023 nach dem Tod der jungen Mahsa Amini durch mutmaßliche Polizeigewalt änderten wenig.
Daher schöpfte man zuletzt im Weißen Haus und in Jerusalem Hoffnung, die iranische Bevölkerung könne zu einem Regimewechsel im Iran beitragen. Chamenei ist 86 Jahre alt, ein Wechsel an der Spitze des Landes wäre ohnehin nur eine Frage der Zeit. „Dieser Prozess war bereits im Gange, und der derzeitige Krieg beschleunigt ihn nur noch“, so Arash Azizi von der Boston University gegenüber AFP.
Dass Israel einen Plan für einen Regimewechsel im Iran hat, hält Azizi für möglich, entweder durch die Tötung weiterer hoher Funktionäre oder durch die Unterstützung eines Staatsstreichs von innen. Derzeit kommt es im Land aber nur vereinzelt zu Protesten gegen das Regime. Die iranische Opposition, im Exil oder im Land, ist gespalten. Für einen Regimewechsel durch einen Aufstand der Bevölkerung gebe es keine Anzeichen, so Azizi.