Mit Versprechen zu Korruptionsbekämpfung und Transparenz wurde der Rapper 2022 als parteiloser Quereinsteiger zum Bürgermeister der Hauptstadt Kathmandu gewählt. Für die nunmehrige Parlamentswahl schloss sich Shah der Rastriya-Swatantra-Partei (RSP) an, die vom ehemaligen Fernsehmoderator Rabi Lamichhane geführt wird. Beide Politiker kündigten an, die Forderungen der Gen Z aufzugreifen.
Die Demonstrationen, bei denen im Vorjahr mehrere Menschen getötet wurden, richteten sich gegen die damalige Regierungskoalition aus der Kommunistischen Partei Nepals (Vereinigte Marxisten-Leninisten, CPN-UML) und der Nepalesischen Kongresspartei (NC) unter dem damaligen Premier Khadga Prasad Sharma Oli (CPN-UML).
Seit Jahrzehnten wechseln sich diese beiden Parteien und die Kommunistische Partei Nepals Maoistisches Zentrum (CPN-MC) in verschiedenen Regierungskonstellationen ab. „Die Menschen haben die immergleichen Gesichter satt und wollen ein Generationenduell zwischen der Gen Z und den Politikern aus den 90er Jahren sehen“, zitierte die BBC den Direktor des Zentrums für Südasien-Studien, Nishchal N. Pandey.
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Ex-Regierungschef Khadga Prasad Sharma Oli will an die Macht zurück
Shahs Gegenüber im Generationenduell ist unter anderen Oli, der trotz seines Rücktritts im September 2025 zum vierten Mal Regierungschef werden will. Gegenüber der BBC sagte Oli, dass er und seine Partei nun versuchten, die Gefühle der jungen Leute zu verstehen. Oli sehe die Proteste von September nach wie vor als „internationale Verschwörung, um ihn aus dem Amt zu heben“, so Pandey zur BBC.
Hohe Armut und Jugendarbeitslosigkeit
Olis Partei hatte bis zur Auflösung des Parlaments nach den Protesten 79 der 275 Sitze im Repräsentantenhaus. Shahs RSP hatte 21 Sitze, könnte aber bei dieser Wahl deutlich zulegen. Denn rund 915.000 der 19 Millionen Wahlberechtigten sind Erstwählerinnen oder Erstwähler, das Durchschnittsalter in Nepal beträgt rund 26 Jahre.
Die jungen Menschen erhoffen sich von der künftigen Regierung neben Korruptionsbekämpfung vor allem den langersehnten wirtschaftlichen Aufschwung für ihr Land, eines der ärmsten der Welt. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt in Nepal um die zwanzig Prozent. Shah, der meist mit dunkler Sonnenbrille und in Sneakers auftritt, will der Gen Z einen politischen Generationswechsel und mehr Transparenz bringen.
Im Jänner dürfte er einige der jungen Wählerinnen und Wähler mit einem Foto allerdings verärgert haben. Dieses zeigte den damaligen Bürgermeister am Steuer eines Luxus-SUVs, der in Nepal über 40 Mio. Nepalesische Rupien (rund 240.000 Euro) kostet. Das Fahrzeug soll aber kein Dienstwagen, sondern von einem Lebensmittel- und Tabakunternehmer zur Verfügung gestellt worden sein, berichtete die englischsprachige Zeitung „Kathmandu Post“.
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Shah bei einem Wahlkampfauftritt
Interviews mit etablierten internationalen Medien vermeidet Shah. Seine Botschaften kommuniziert er primär über soziale Netzwerke. Der britische „Guardian“ zitierte in einem Bericht eine Besucherin eines Wahlkampfevents von Shah: „Er geht von Ort zu Ort und spricht nicht. Wenn er gewinnt, werden wir dann noch weniger von ihm hören?“
„Fuck America, Fuck India, Fuck China“
Anders als Oli hat Shah keine großen Erfahrungen auf der internationalen Bühne. Für Kritikerinnen und Kritiker fehlt ihm ein Plan für die künftige Außenpolitik Nepals. Vor einigen Monaten hatte Shah ein Posting unter anderem mit den Worten „Fuck America, Fuck India, Fuck China“ auf Facebook veröffentlicht, das er kurz darauf wieder löschte.
Wählerinnen und Wähler, die weder den ehemaligen Premier Oli noch den ehemaligen Quereinsteiger Shah als Premier wollen, versucht die Kongresspartei NC abzuholen. Diese richtete sich nach den Protesten und der Auflösung der Regierung teilweise neu aus und kündigte an, künftig mehr auf die Bedürfnisse der Jugend hören zu wollen.
Tödliche Proteste sprengten Regierung
Die in den sozialen Netzwerken präsentierten Luxusleben von Politikerkindern, die von Kritikerinnen und Kritikern „Nepo-Babys“ genannt werden, brachten im September 2025 Tausende Junge in dem von Armut geprägten Land auf die Straße. Darauffolgende, behördliche Sperren der sozialen Netzwerke heizten die Proteste weiter an.
Laut einem BBC-Investigativbericht erteilte der ehemalige Polizeichef von Nepal am 8. September den Befehl, tödliche Gewalt gegen die unbewaffneten Protestierenden anzuwenden. Bei den Unruhen wurden über 70 Menschen, teils mit Waffengewalt, getötet.
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Im September 2025 gingen vor allem junge Menschen gegen die Regierung auf die Straße
Aufsehenerregend war auch die Auswahl der Nachfolgerin des zurückgetretenen Premiers Oli: In dem Gaming-Netzwerk Discord beteiligten sich rund 130.000 Menschen an dem inoffiziellen Votum. Sie einigten sich auf die ehemalige Höchstrichterin Sushila Karki als neutrale Persönlichkeit an der Staatsspitze, Präsident Ram Chandra Poudel ernannte sie daraufhin zur Interimspremierministerin.
Ihre Übergangsregierung verständigte sich im Dezember mit Vertreterinnen und Vertretern der Gen Z auf ein Zehnpunkteabkommen, das als Basis für die Bekämpfung struktureller Probleme wie Korruption, Intransparenz und soziale Ungerechtigkeit dienen soll. Umso wichtiger waren diese Themen im aktuellen Wahlkampf, der am Montagabend (Ortszeit) mit einer behördlich vorgeschriebenen, zweitägigen Wahlkampfpause vor der Wahl offiziell endete.
Bis zum finalen Wahlergebnis könnte es jedenfalls Tage bis Wochen dauern, auch wenn die Behörden eine schnelle Stimmauszählung versprechen. Denn die Wahllokale im Himalaya-Gebirge bringen logistische Herausforderungen mit sich. Mancherorts müssen die Stimmzettel per Helikopter ins Tal geflogen werden. 2022 dauerte es rund zwei Wochen, bis ein finales Wahlergebnis bekanntgemacht werden konnte.